Wenn aus dem Feierabend ein Einsatz wird – THW-Übung in Pfungstadt
Beim Mittagessen mit Kollegen kommt die Frage auf: „Was machst du eigentlich später noch?“
Meine Antwort: „Für mich geht’s gleich weiter ins THW – wir haben Übung.“
Das sorgt regelmäßig für Stirnrunzeln. Also kurz erklärt: Das Technisches Hilfswerk (THW) ist eine Organisation des Zivil- und Katastrophenschutzes. Wir unterstützen andere Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben – etwa die Feuerwehr – immer dann, wenn technische Hilfe gefragt ist. Bundesweit stellt das THW seine Fähigkeiten in spezialisierten Fachgruppen bereit, verteilt auf 669 Ortsverbände. In Viernheim sind das unter anderem der Zugtrupp, die Bergungsgruppe, die Fachgruppen Schwere Bergung, Biologische Ortung (Rettungshunde), Technische Ortung sowie Notversorgung und Notinstandsetzung. Doch was das konkret bedeutet, wissen die Kollegen immer noch nicht, zeigt sich am besten im Einsatz – oder eben in einer Übung.
Freitag, 16:00 Uhr: Feierabend im Büro – aber nicht wirklich. Es geht direkt weiter in die Unterkunft des THW. Der Melder geht los. Vollalarm – Ortsverbandsübung. Wohin es geht? Pfungstadt. Was erwartet uns? Unklar. Erst vor Ort in Pfungstadt wird klar: Das THW aus Pfungstadt ist bereits da und hat bereits die Einsatzstelle ausgeleuchtet. Jetzt beginnt für uns die eigentliche Arbeit.
Das Übungsszenario: Einsturz im Lost Place
Die Lageeinweisung ergibt folgendes Bild: Eine Gruppe von Personen hat einen sogenannten „Lost Place“ erkundet – verlassene Gebäude. Dabei sind Teile der Bausubstanz eingestürzt. Mehrere Menschen, vermutlich 10-15 an der Zahl werden vermisst. Unser Einsatzauftrag: Gelände erkunden, Personen orten und Personen retten.
Ein Erkundungsteam verschafft sich zunächst einen Überblick. Mit Stift und Papier wird eine Lagekarte erstellt – simpel, aber effektiv. So behalten alle Einheiten den Überblick über das unübersichtliche Gelände. Diese Informationen sind die Grundlage, damit das Team im Zugtrupp zu jederzeit mitverfolgen kann, wo die eingesetzten Einheiten sich aufhalten und wo womöglich noch Gefahren lauern. Dabei fällt ein Überweg zwischen zwei Gebäudeteilen in 10 Metern Höhe ins Auge. Dort oben sitzt eine Person.
Die Bergungsgruppe verschafft sich Zugang zu der Person über die angrenzenden Gebäude. Oben angekommen, treffen die Helfer auf eine verunsicherte Person. Die Person über das Gebäude nach unten bringen keine Chance. Der einzige Weg, der bleibt ist Abseilen. Mit dem Rollgliss-System und der Rettungswindel kann die Person kontrolliert abgelassen werden. Und an den anwesenden Rettungswagen der Johanniter Unfall Hilfe Viernheim übergeben werden. Nach Aussage der Person, war sie mit 3 weiteren Personen unterwegs. Also Glück gehabt und vielleicht doch nicht ganz so viele Personen zu retten? Mal schauen...
Parallel durchkämmt die Biologische Ortung das Gelände – ein Begriff, der bei Außenstehenden oft für Schmunzeln sorgt. Gemeint sind Rettungshunde. Systematisch suchen sie das Gelände nach Personen ab. Ein erster Hinweis: Eine Person wird hinter einer Wand vermutet.
Jetzt wird es technisch. Die Schwere Bergung macht eine Kernbohrung ein 6 cm großes Loch in die Wand. Durch dieses Loch kann die Technische Ortung mit der SearchCam den Raum hinter der Wand nach Personen durchsuchen. Ergebnis in der Ecke liegt eine Person. Der einzige Weg zu der Person führt durch die Wand. Daher packt die Schwere Bergung die Betonkettensäge aus und scheidet ein Loch in die Wand. Sodass die Person gerettet werden kann.
In der Zwischenzeit hat die Biologische Ortung die nächste Person im Dachgeschoss gefunden. Nach der Erstversorgung wird klar:
Ein Transport über die Treppe ist nicht möglich. Jetzt kann man an eine Drehleiter zur Rettung über das Fenster denken. Diese war aber nicht verfügbar und es geht noch einfacher. Stattdessen kommt ein Leiterhebel zum Einsatz. Über ein Fenster wird die Person schonend nach draußen gebracht.
Doch die Suche ist noch nicht beendet: Die Person war allein unterwegs. Also bleiben immer noch min. zwei Personen weiterhin vermisst.
Es ist inzwischen 22:30 Uhr. Die Temperaturen liegen bei etwa 5 Grad. Viele Helfer sind direkt nach der Arbeit zur Übung gekommen. Langsam macht sich bemerkbar, was auch in realen Einsätzen dazugehört: Kälte, Müdigkeit – und Hunger.
Zum Glück ist auch dafür gesorgt: Noch während der Rettung der ersten Personen im vollen Gange war hat die Fachgruppe Notversorgung und Notinstandsetzung einen Bereitstellungsraum aufgebaut. Zelte, Licht, Heizung, Tische – ein Ort zum Durchatmen. Hier können sich die Einsatzkräfte aufwärmen, etwas essen und neue Energie sammeln.
23:30 Uhr die letzten zwei Personen konnten in den Katakomben unter dem Gelände lokalisiert und gerettet werden. Auflösung von der Übungsleitung: Alle Personen wurden gefunden und gerettet.
Solche Übungen zeigen, worauf es im Ernstfall ankommt:
- Auch wenn das technische Know-How für die einzelnen Gerätschaften sitzt. Muss es auch unter realen Bedingungen geübt werden.
- Dazu gehören Improvisation bei Ausfall von Geräten oder kurzfristigen Lageänderungen.
- Die Kommunikation über Funk und mit anderen Organisationen wie hier das THW Pfungstadt und die Johanniter Unfall Hilfe Viernheim.
Und vor allem: Engagement. Denn die alle 50 an der Übung beteiligten Helfer sind ehrenamtlich tätig – sie stehen nach ihrem regulären Arbeitstag bereit, wenn Hilfe gebraucht wird. Oder eben dann, wenn der Melder geht.
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